Verfasst von: Felix Arnst | 10. Juni 2009

Do Khyi: Welpenprägung, Sozialisierung, Ersterziehung, Bindung

yala_nicki_draussen3Im vorausgegangenen Artikel habe ich mich bereits zu einigen Bereichen die in direktem Zusammenhang mit Erziehung, Haltung und Prägung eines Do Khyi stehen geäussert, nun soll es hier primär um einen der dazu relevanten Teilbereiche gehen. Der Anfang ist sehr wichtig, aber nur die halbe Miete! …aber bitte der Reihe nach:

Welpenprägung & Bindung: Spielerisch lernen…

Prägung – Sozialisierung – Bindung – Früherziehung

1. bis etwa 14. Tag = Alpha Phase

Laut Konrad Lorenz ist die Welpenprägung ein irreversibler Lernvorgang, der nur in einem zeitlich eng abgegrenzten Zeitraum erfolgt. Erik Zimen nennt die Phase in dem eine Welpe (hier Wolf) mit dem Menschen eine Beziehung eingeht, Bindung. Grundsätzlich bezeichnen alle Kynologen die ersten  Lernvorgänge als elementar und von allergrösster Bedeutung für die spätere soziale Entwicklung eines Hundewelpen.

Ein Welpe nimmt seine Umwelt nach der Geburt lediglich durch Berührung, Wärme und Geruch wahr. Sein Aktionsradius beschränkt sich auf die unmittelbare Nähe des Muttertiers. Das Muttertier bedeutet zunächst einmal Nahrung, biete somit positive Reize. Entfernt sich dieses versucht der Welpe umgehend neuen Körperkontakt herzustellen. Der instinktive Such- und Saug- Reflex sind eine erste Form von angeborenem Jagdinstinkt.  Dominantere Welpen geönnen sich bereits gelegentlich einen etwas grösseren Abstand zum Muttertier. Welpen können in den ersten zwei Wochen weder sehen noch hören, sondern lediglich riechen. Kontakt zu Menschen ist bereits in dieser frühen Phase sehr wichtig, nur Welpen die bereits in dieser Phase Kontakt zu unterschiedlichen Menschen hatten, reagieren nicht panisch auf fremde Menschen, weil der Geruch als etwas bereits Bekanntes registriert wurde.

2. – 4.Woche = Übergangsphase

Die Augen öffnen sich und der Welpe nimmt vermehrt mit seiner Umwelt visuellen Kontakt auf, krabbelt in seiner Wurfkiste umher und versucht sogar diese zu verlassen. In dieser Phase entwickelt sich der Schreckreflex ganz massiv, dieser ist für das Überleben in der Natur sehr wichtig. Wenn sich ein Welpe erschreckt, dann möchte er so schnell wie möglich wieder ins Dunkle bzw. die Geborgenheit der Wurfkiste zurück. Züchter können diese Phase dazu nutzen die Welpen öfter einmal mit plötzlich auftretenden Reizen zu konfrontieren.
 

4. – 8. Woche = Prägungsphase

Ab jetzt nimmt der Welpe seine Umwelt wesentlich bewusster wahr und lernt „Sozialpartner“ kennen. Genau an dieser Stelle entscheidet sich sein späteres Verhältnis und die Grunlagen werden entwickelt und gelegt, die das spätere Verhalten zu Artgenossen, Menschen, Katzen usw. bilden. Entstehen hier Defizite, etwa durch zu isolierte Aufzucht, kann man diese später kaum noch kompensieren. Je weniger ein Welpe in dieser Phase mit Menschen, anderen Tieren oder auch Geräuschen in Kontakt kommt, umso schlechter ist er für die späteren Entwicklungsphasen geprägt. Abhängig von Genetik und mütterlichem Verhalten kann dies später zu ausgewachsenen Problemen im Primär- Sozialverhalten führen. Bei guter Prägung wird in dieser Phase ständig weniger negatives Reflexverhalten gezeigt und die instinktven Veranlagungen werden stetig weiter entwickelt. Der Welpe sollte ab dann auch immer wieder die Möglichkeit haben, andere Menschen und unterschiedlichste Tiere kennen zu lernen. Dieser Prozess wird immer zuerst und direkt vom Muttertier beeinflusst und vermittelt. So wie die Mutter reagiert, schauen es sich die Kleinen ab.

Das oben Beschriebene wird in nachfolgendem Video sehr schön gezeigt, wenngleich es sich dabei eher um einen spielerisch vorgestellten Bereich der Welpenprägung handelt:

…zeigt dieses Video doch durchaus auch, dass selbst Spass die richtigen Ansätze verfolgen kann.

3. – 5. Monat = Rangordnungsphase

Der Hund sucht seinen Platz im Umgang mit seinen Sozialpartnern. Entscheidend ist hier die psychische nicht die physische Stärke um eine Position in der Rangordnung einzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt werden die Weichen für eine erfolgreiche Eingliederung in die Familie/ Rudel gestellt. Die Geborgenheit der Wurfkiste, Geschwister, Muttertier und der Züchter existieren in diesem Leben fortan nicht mehr, es gilt nun ohne diese, allein mit der neuen Umgebung beim Halter, dessen Person und den dortigen Verhältnissen zurecht zu kommen.

ab dem 5. Monat = Rudelordnungsphase

Hier werden Wolfswelpen unter dem strengen Regime des Leitwolfes Ihren Aufgaben zugeführt. Dies genau ist der ideale Zeitpunkt die bis dahin eher locker gehaltene Erziehung in eine konsequente aber dennoch faire und Hundgerechte, aber durch klare Regeln bestimmte Haltung UND soziale Bindung zum Halter und dessen Umfeld (Familie und andere Tiere im Haushalt und der direkten Nachbarschaft) zu wandeln.

7. – 9. Monat – (rasseabhängig) = Pubertät

Der Hund kommt jetzt in die mittlere Phase der körperlichen und geistigen Entwicklung. Der Hund sieht jetzt bereits fast aus wie ein erwachsener Hund und er merkt, dass auch seine Körperkraft gestiegen ist, dies wiederum kann zu berühmten Austesten von Rangordnungsstreitigkeiten mit ranghöheren Tieren und dem Halter oder anderen Mitgliedern der Familie führen. Die Erziehung des Hundes in einem Mensch-Hund Rudel bedeutet es hier den Situationen Vorzubeugen, in denen der Hund zu viel Eigeninitiative entwickeln könnte.

Beginn des Erwachsenenalters ab ca. dem 15. – 18. Monat (Do Khyi)

Das Erwachsenenalter beginnt beim Hund üblicherweise mit ca. etwa 11 Monaten, der Do Khyi entwickelt sich wesentlich langsamer. Im psychischen Bereich dauert der Reifeprozess allerdings bis etwa zum  3. Lebensjahr, auch sind einige Instinkte dann erst voll ausgebildet. Seine ungefähre Endgröße hat er mit ca. 24 Monaten, zwischenzeitlich hat der Do Khyi auch seine Geschlechtsreife erreicht, wobei ein Do Khyi in diesem Alter etwa mit einem 14 Jahre alten Teenager zu vergleichen ist. Manche Hunde bleiben eine ganze Weile in der Pubertätsphase stehen. Die weitere Entwicklung kann sehr individuell verlaufen. Auch können jetzt erste ernstzunehmende Probleme auftauchen, diese äussern sich in Bissigkeit und erhöhter Dominanz anderen Hunden gegenüber, Zurechtweisung von Kindern …oder regelrechten Zerstörungsanfällen gegenüber toten Gegenständen. Tatsächlich haben sich diese Wesenszüge schon weit vorher gebildet, bleiben jedoch oft lange unbemerkt. Der Hund ist gereift und setzt nun gelegentlich um, was er vorher spielerisch ausgetestet hat, jetzt allerdings mit deutlich mehr Nachdruck und Konsequenz. Der Hund glaubt seinen Stellenwert im Menschenrudel nun sehr genau zu kennen und wird diesen gelegentlich auch gegenüber Dritten behaupten wollen.

Das wirklich schwierige Alter beginnt jedoch erst…, wir beginnen also mit dem Zeitpunkt, an dem der Welpe im Hause ist und das Züchterumfeld verlassen hat.

Welpenprägungsspielen- Welpenfrüherziehung, Bindung:

Welpenprägungsspielstunden sind ausgesprochen wichtig damit sowohl  Welpen als auch Halter diese Möglichkeiten nutzen  um sich spielerisch auf das Zusammenleben in der künftigen Hund-Mensch-Hund -Beziehung in unserer Gesellschaft vorzubereiten.

Erste Lernerfahrungen im Spiel mit anderen Welpen und mit der sich (hoffentlich) wechselnden Umwelt, werden in Prägungsspielstunden simuliert und bilden damit den wichtigsten Grundstein der Früherziehung. Etwa im Alter ab 16-18 Wochen kann dann eine mit Bedacht ausgesuchte Welpenschule darauf aufbauen, dort folgen intensivere Übungen, in vielen kleinen und welpengerechten, so oft wie möglich wiederholten Lektionen. Schritt für Schritt, lernt der Welpe so ein Verhalten, mit dem er und der Halter sich später in unserer Gesellschaft bewegen können, ohne dabei negativ auffällig zu werden, damit er sich danach also hoffentlich möglichst sozialverträglich zu „benehmen“ weiß.

Leider nehmen unglaublich viele Züchter diesen Punkt nicht sonderlich ernst. So wäre es z.B. wünschenswert, wenn ein kompletter Wurf (unbedingt ohne Muttertier, immer wieder einmal trainiert) gelegentlich wechselnde Umwelt, Personen und Umwelteinflüsse (Lärm)kennen lernen würde, dies bei gelegentlichen Ausflügen in Wald, Wiese UND natürlich wünschenswerterweise auch der Stadt.

Autofahren, nicht nur ein einziges Mal zur Impfung. Strassenbahnfahren, das Treiben in Fussgängerzonen, Kontakt mit rudelfremden Hunden – sollten Welpen so früh wie möglich ohne den Rückhalt des Muttertiers kennen lernen. Leider ist es jedoch viel mehr gängige Praxis, dass Welpen beim Züchter bestenfalls dessen Hundeauslauf oder Garten kennen lernen dürfen, für Althunde gilt oftmals leider das Gleiche. Solche Tiere haben derart ausgeprägte, soziale Defizite, die später nur sehr schwer vom Halter aus- anzugleichen sind. 

Wenn ich könnte würde ich vorschreiben, dass so etwas bei jedem Züchter kontrolliert wird, nur wäre der Aufwand wohl kaum zu bewältigen. Welpenkäufer sind also leider auch diesen Punkt betreffend auf  Gedeih und Verderb an einen seriösen Züchter, mit ausreichend Kenntnissen auch zu diesen Punkten angewiesen. Nur ist es wie gesagt, dort oft nicht weit her damit!

So habe ich vor Kurzem erst noch von einem Fall gehört, wo ein gerade vom Züchter abgegebener Do Khyi Welpe derart von solchen Einflüssen und der frischen Trennung von seinem bisherigen Rudel überfordert war, dass dieser Hund auf einem Autobahnparkplatz vor den neuen Haltern flüchtete, überfahren wurde und so zu einem frühen Tode kam.

Wer hat an soetwas Schuld?

Doch zurück zur Normalität: Gerade die ersten Tage mit dem kleinen Welpen – dem neuen Familienmitglied also, sind immer besonders aufregend und spannend …für beide Seiten.

Damit daraus keine negativen Belastungen für die anschließenden Erziehungsphasen entstehen sollte also unbedingt schon vorher in der näheren Umgebung Kontakt zu anderen Welpenhaltern gesucht werden. Von  Welpenprägungsspielgruppen – Welpenschulen hört man zwar immer wieder und oft, nur leider werden diese oft erst (b)gesucht wenn bestimmte Probleme bereits mehrfach entstanden und gefestigt sind. Zudem ist es je nach Wohnort oder Gegend schwierig bis unmöglich eine wirklich geeignete Welpenspielgruppe (für HSH) zu finden.

Meisst bleiben daher Halter, Familie und Hund allein aufeinander angewiesen.

Von einer vollständig gemischten Welpengruppe vieler unterschiedlicher Rassen halte ich nicht wirklich viel, weil die Wesensgrundlagen der Hunde derart unterscheidlich sind, dass daraus kein wirklicher Vorteil, sondern eher Nachteile erwachsen können. Zu unterschiedlich in vielen Anlagen sind Terrier, angehörige der Schutzhunderassen, Jagdhunderassen und HSH bereits als Welpe , dass dabei wirklich ein positives voneinander Lernen im konstruktiven „Miteinander“ möglich wäre.

Nicht selten ist eher zusätzlicher Stress oder gar Aggression die Ernte, dies ist keine gute Erziehungsgrundlage für einen kleinen Do Khyi.

Unser Rüde hat genau in solch einer Welpenspielgruppe als dort grösstes „Kalb“ ständig die kleineren Zwerge an den Ohren hängen gehabt, und somit leider sehr früh gelernt, dass andere Hunde nur stören, ihn ärgern, bedrängen und ständig nerven.

An Energie hat es ihm allerdings nicht gefehlt, im ständigen gegenseitigen Jagen mit einer ihn nie zufrieden lassenden jungen Staffordshire- Terrier- Hündin war er noch auf den Beinen, als diese sich längst erschöpft niederlegte. Das Spielen mit dieser Hündin aus dem Dorf , in dem wir damals lebten, hat komischerweise prima, auch über einen längeren Zeitraum ohne jede Zwischenfälle geklappt.

Seine damalige Welpenspielgruppe hatte eigentlich nur ein Resultat: 

Unser Rüde fand Röhren schlichtweg unnütz und viel zu eng, dafür wurde er Weltmeister im „Weitkegeln u. Weitwerfen“ von nervigen Artgenossen. Dieses Verhalten hat er nie abgelegt, heute ist er ordendlich über 10 Jahre alt, absolut Rüdenunverträglich und kein bisschen weiser in dieser Hinsicht. Welpen mit anderen, ihm ähnlichen Wesenszügen und seiner Statur ebenbürtigen Ausmaßen hätten ihm zu diesem Zeitpunkt sicher eher zu mehr Ausgeglichenheit gereicht. So hat er von dort eigentlich nur mitgenommen, dass er mit roher Gewalt JEDES Problem im Keim ersticken kann. Dies war wahrlich keine gute Basis für die folgenden Erziehungsabschnitte. Erst das spätere Zusammenleben mit einer gleichaltrigen Do Khyi Hündin (unsere Yala) hat insgesamt zu mehr ausgeglichenerem Gemüt & Verhalten geführt, daher sage ich immer; für Hunde sind andere Hunde die bessere Gesellschaft, wenn die Hunde zusammen passen.

Heute, würde ich nach den damaligen Erfahrungen Haltern von HSH- Rassen eine Spielgruppe mit Angehörigen dieser Gattung empfehlen, alles andere ist fast verlorene Zeit, nur leider wird dies in den meissten Gegenden fast unmöglich sein.

Hund und Halter von HSH- Rassen, wobei es auch innerhalb allein dieser Gattung deutliche Wesensunterschiede gibt,  sind in der Regel also oft allein auf sich selbst gestellt. Dies kann besonders dann schwierig sein, wenn der Welpe als Einzelhund gehalten wird, denn innerhalb einer Rudelhaltung ist Welpenprägung und Ersterziehung ungleich einfacher. Ältere Do Khyi zeigen einem Welpen sehr schnell und nachhaltig bestimmte Grenzen auf, diese werden kaum wieder vom betreffenden Welpen überschritten, ein erneutes Austesten dieses Rahmens unterbleibt künftig.

Die Prägung eines Junghundes im Sinne der späteren Erziehungsgrundlagen und -Abschnitte ist Gegenstand des nächten Kapitels, dieses erscheint in den nächsten Tagen.

Literaturenpfehlung:

Günter Bloch: Der Wolf im Hundepelz, der Familienbegleithund im modernen Hausstand

Ute Narewski: Welpen brauchen Prägungsspieltage

Eberhard Trumler: Das Jahr des Hundes, Mit dem Hund auf Du

Erik Zimen: Der Hund, Der Wolf


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: